Alzi

Die Urnen-WG

Die 3 Alzheimis Erwin, Egon und Richard, alle so um die 80, treffen sich fast jeden Tag am Hang unterhalb von Blankenese und schauen auf die Elbe.  „Schräg rüber“ meint Egon, „seht Ihr da die Sietas-Werft?“  Die beiden nicken.  „Ja“, meint Erwin, „da heben wir alle drei geschuftet“.  „Aber das ist lange her“ wirft Richard ein, „und heuer treffen wir uns hier oder immer wieder bei unserem geliebten Dr. Morgenrot, dem Demenzdoktor.  Der ist ja ein witziger Typ, alleine schon sein Büro: alles voller Papiere, und unter dem Stapel muss er sein Stethoskop  hervorzaubern.  Der kloppt dir dann die Beene ab und sagt „Polyneuropathie“ und du denkst, der meint Onanie oder was?“  Na ja, Spaß macht es immer, wenn man bei ihm ist.  Richard meint dazu, „Nur mit den Alzheimerchen nimmt er das so genau.  Da wollte er doch neulich von mir wissen, wo genau die denn bei mir sitzen.  Hab ich so was schon mal gehört?  Oder Ihr?  Na, die sitzen doch im Oberstübchen.  Das müsste der doch eigentlich wissen.  Da hat der die doch bestimmt auch, oder?“

„Aber was machen wir denn bloß“, fragt Egon „wenn wir mal nicht mehr sind?  Bloß in so einem Einzelgrab liegen?  Das geht doch gar nicht.  Ich will, dass wir beisammen liegen.“

„Na ja, wie soll das denn gehen?“ fragt Erwin.  Egon erwidert: „Wir schaffen uns ein Massengrab an.“  „Hej“ meinte Erwin „mit so vielen Fremden will ich nicht begraben sein.“

„Nein“, nicht mit Fremden!  Nur wir drei.  Vielleicht nehmen wir noch mal jemanden, der gut zu uns passt, dazu.“  Aufgeregt und laut fügt er hinzu: „Wir gründen eine Urnen-WG!“  Erst waren die anderen verblüfft, dann sannen sie nach.  Eine Urnen-WG?  Irgendwie verfing dieser Gedanke allmählich.  Dann kamen konkrete Fragen auf: „Wie groß soll die Urne denn sein?“  Und: „Wo kriegen wir solch eine Urne bloß her?“  „Am besten“ meint Egon „fangen wir mal bei den Grabstättengeschäften rund um den Ohlsdorfer Friedhof an.  Und dann gibt es ja noch die Suchmaschinen im Internet.“  Eine Weile herrschte nachsinnendes Schweigen, dann meint Erwin „Wenn das mit den Grabstättenfirmen nichts wird, könnten wir uns eine entsprechende Urne doch bauen lassen.  Ich kenne da so eine große Schlosserei am Rande der Lüneburger Heide.  Da fahren wir mal hin und besprechen dort alles genau nach unseren Vorstellungen.“  Dieser Vorschlag kam gut an.

Gesagt, getan.

Erwin suchte die besagte Großschlosserei in dem kleinen Ort am Rande der Lüneburger Heide auf und besprach dort mit dem Meister seinen Plan.  Der Meister hörte sich aufmerksam, aber mit hochgezogenen Brauen, die Ausführungen Erwins an.  Die wichtigste Frage, die aufkam, war die der Art und die Beschaffenheit des Stahls und die Größe des Containers.  Erwin beantwortete alles, wenn für den Meister auch recht umständlich.  Und schließlich musste noch erörtert werden, ob der Container eine Tür und auch Fenster haben sollte.  Das aber hatte Erwin mit seinen Freunden noch nicht im Detail besprochen.  Also wurde ein neuer Termin vereinbart.

Freudig berichtete Erwin seinen Freunden, was er bisher mit dem Schlosser besprochen hatte.

Die Frage nach einer Tür war schnell beantwortet.  Die brauchte man einfach, denn sie würden ja nicht alle zum gleichen Zeitpunkt sterben.  Das hieß also, dass der Container von 3 Seiten ganz unter die Erde kommen konnte und die Vorderseite mit der Tür von außen begehbar sein musste.  Schwieriger war es mit Fenstern oder weiteren Auslässen, denn sie würden ja nicht alle gleichzeitig sterben.  Jeder Nachzügler musste hereingelassen werden, und das war nur mittels einer Tür möglich.  Sarghöhe reichte.  Dadurch wurde auch klar, dass der Container nicht ganz unter die Erde kommen dürfte.  Der Zugang durch die Tür  in Sarghöhe müsste gewährleistet sein.  „Und wie ist es mit Fenstern oder Ausgucklöchern“ wollte Egon wissen.  Das war nun eine schwierige Frage.

Die Entscheidung: Fenster nein, nur ein rundes Guckloch zum Friedhofsgelände hin.

Aber das mit weiteren Auslässen erwies sich als eine noch schwierigere Frage.  Auf jeden Fall müsste ein Schlitz für die geplante „App aus dem Jenseits“ herausgeschnitten werden.  Eine Ewigkeits-App sozusagen.  Schließlich will man ja auch selbst einmal nach draußen telefonieren, zumindest den Neurologen erreichen können.

Als das Thema Neurologe aufkommt, schmunzeln alle erst einmal, aber alle drei sind dafür, dass man zu ihm Verbindung halten soll, bis schließlich Richard die Frage in den Raum stellt, ob man nicht für ihn das Ganze um einen Platz erweitern sollte, wenn er es denn will.  Ja, der Gedanke findet allenthalben Anklang.  Nun wurde die notwendige Quadratmeterzahl berechnet, so dass am Ende vier Menschen dort Platz haben würden.

Die Urne wurde bestellt, und Erwin hatte inzwischen die Genehmigung für diese außergewöhnliche Grabstätte von der Friedhofsverwaltung – nicht ganz ohne Schwierigkeiten – eingeholt.

Wer würde wohl der erste sein, der diese außergewöhnliche Ruhestätte für immer bewohnte?

 

Diese wesite existiert seit 6.08.2017 - last update - Letzte Änderung 6.08.2017

Webmaster:

maritime_gelbe_Buchreihe_google

maritimbuch.de

Jürgen Ruszkowski ©   Jürgen Ruszkowski  © Jürgen Ruszkowski



powered by klack.org, dem gratis Homepage Provider

Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist ausschließlich
der Autor dieser Homepage. Mail an den Autor


www.My-Mining-Pool.de - der faire deutsche Mining Pool